Die „Jerusalemer Erklärung “ behindert die praktische Arbeit gegen Antisemitismus

Die „Jerusalemer Erklärung “ behindert die praktische Arbeit gegen Antisemitismus


Wenn Antisemitismus nur vorläge, wenn „Juden als Juden“ angegriffen würden, wäre nicht einmal die ungarische Kampagne gegen George Soros antisemitisch.

Die „Jerusalemer Erklärung “ behindert die praktische Arbeit gegen Antisemitismus

Letzten Monat veröffentlichten 200 Akademiker ein Dokument mit dem Titel „Die Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus“, das ihrer Meinung nach die IHRA-Arbeitsdefinition von Antisemitismus ersetzen sollte.

Sie fragen sich vielleicht, warum: Seit die International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) ihre Arbeitsdefinition vor fünf Jahren erstellt hat, wurde sie als informelles Instrument zur Untersuchung antisemitischer Vorfälle von Regierungen, der Polizei, von Staatsanwälten, lokalen Behörden, Sportvereinen, Universitäten und Aufsichtsbehörden verwendet oder übernommen. Sie wurde vom Europäischen Parlament gebilligt und vom Generalsekretär der Vereinten Nationen empfohlen und ist – in Großbritannien – weithin als Standardleitfaden zur Definition und Identifizierung von Antisemitismus akzeptiert.

Für die 200 Akademiker ist die IHRA-Definition jedoch ein Problem, weil sie beschreibt, wann und wie Antisemitismus durch anti-israelische Sprache ausgedrückt wird. (…)

Wie der Name schon andeutet, konzentriert sich die Jerusalemer Erklärung weitgehend auf die angemessene Sprache, die zu verwenden sei, wenn man über Israel und „Palästina“ spricht. Sie erwähnt neunmal Palästina oder Palästinenser, aber kein einziges Mal das Thema Hassverbrechen. Zehn der 15 „Richtlinien“ sind Israel und Palästina gewidmet, obwohl die IHRA-Definition dafür kritisiert wird, dass sie genau diesem Thema „übermäßige Bedeutung“ beigemessen habe.

Die Erklärung ist mehr als doppelt so lang wie die IHRA-Definition und ist in einer Weise geschrieben, die für die Ermittler in konkreten Fällen viel weniger praktikabel oder relevant ist. Die Wissenschaftler, die sie geschrieben haben, haben sich nicht mit jüdischen Gemeindeorganisationen, Beobachtungsstellen von Hassverbrechen oder Ermittlungsbehörden beraten, und das zeigt sich recht deutlich.

Es ist beispielsweise schwer vorstellbar, dass ein Sicherheitsmitarbeiter eines britischen Fußballstadions oder ein Fallbearbeiter einer Medienaufsichtsbehörde die Jerusalemer Erklärung verwendet, um eine Beschwerde wegen Antisemitismus zu beurteilen. Stattdessen liest sie sich wie ein Leitfaden für ein akademisches Seminar über Israel und Palästina.

Und die Jerusalemer Erklärung weist einige schwerwiegende Schwachstellen auf. Ihre Kerndefinition besagt, dass Antisemitismus „Diskriminierung, Vorurteile, Feindseligkeit oder Gewalt gegen Juden als Juden (oder jüdische Einrichtungen als Juden)“ ist.

Die Formulierung, dass sich Antisemitismus gegen „Juden als Juden“ richtet, wird von den Gegnern der IHRA-Definition bevorzugt in Stellung gebracht, birgt aber die Gefahr, dass alle Fälle außer den offenkundigsten übersehen werden. Die Kampagne der ungarischen Regierung gegen George Soros etwa erwähnt nie die Tatsache, dass Soros Jude ist – sie greift ihn nicht „als Jude“ an –, aber sie bezieht ihre Resonanz und Kraft aus der Verwendung einer unbestreitbar antisemitischen Sprache.

Man könnte erwarten, dass jede Definition von Antisemitismus den Sichtweisen jüdischer Gemeinden mehr Stellenwert einräumen würde als den Ansichten von Leuten, die Kampagnen gegen etwas Jüdisches führen wollen, doch genau das ist hier nicht der Fall. (…) Die Autoren der Jerusalemer Erklärung hielten es aber für nötig, ausdrücklich zu sagen, dass es nicht antisemitisch sei, das Verschwinden des einzigen jüdischen Staates der Welt zu fordern. Es ist schwer vorstellbar, dass dies in den jüdischen Gemeinden auf große Unterstützung stößt, aber vielleicht sind sie auch nicht die primäre Zielgruppe der Erklärung.

Letztlich reagieren die Akademiker, die die Jerusalemer Erklärung verfasst und unterzeichnet haben, auf ein Umfeld, in dem die IHRA-Definition wiederholt falsch dargestellt wurde, um den Eindruck zu erwecken, sie würde jegliche Kritik an Israel und Kampagnen gegen Israel zum Schweigen bringen wollen. (…)

Wie auch immer, wenn ein Haufen Akademiker für sich selbst einige Richtlinien schreiben will, wie sie und ihre Studenten über Israel und Palästina diskutieren können, so ist das ihre Angelegenheit. (…) Aber das als eine Definition von Antisemitismus zu bezeichnen und vorzuschlagen, dass diese ein weithin akzeptiertes praktisches Instrument ersetzen könnte, das von Ermittlern und Beobachtern von Hasskriminalität verwendet wird, ist unverantwortlich und birgt die Gefahr, echte Bemühungen zur Bekämpfung von Antisemitismus zu behindern.

(Aus dem Kommentar „Why the Flawed ‘Jerusalem Declaration on Antisemitism’ Risks Setting Back Efforts to Fight Antisemitism“ von David Rich, der von Community Security Trust veröffentlicht wurde, einer britischen NGO, die seit den 1980er Jahren im Auftrag der jüdischen Gemeinde in Großbritannien antisemitische Vorfälle dokumentiert und Juden vor antisemitischen Bedrohungen zu schützen versucht. Übersetzung von Florian Markl von Mena-Watch.)


Autor: Mena-Watch
Bild Quelle: By Niccolò Caranti - Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=21891837


Freitag, 09 April 2021

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